GESCHIECHTE

Forci und seine Geschichte im Fluge

 

1300 - Das Gut von Forci stammt wahrscheinlich aus diesem Jahrhundert und es ist fast sicher, dass der erste Kern der Villa besonders für Jagdzwecke gebaut worden war. Besitzer war seit der Zeit des Kaisers Otto III. von Deutschland die Familie Buonvisi, als ein bestimmter Herr Buonviso - Staatsrat des Kaisers - sich um 900 mit seiner Familie in Lucca niederließ.        

1400 - Es erfolgen die ersten Vergrößerungsbauarbeiten der Villa, die mit dem Erwerb von Land vonseiten der Familie Buonvisi zusammenfallen. Davon zeugen noch die rechteckigen, zweibogigen Fenster aus der Hinterseite der Villa, sowie die zwei achteckigen Marmorbrunnen und einige Bauernhäuser.

1500 - In diesem Jahrhundert erreichen die Villa und das Gut ihre höchste Pracht. Die Villa wird erst renoviert, dann noch weiter vergrößert, indem auf der Vorderseite die vom Architekten Vincenzo Civitali entworfene Loggia gebaut wird. Dem Gut werden neue Olivenhaine und Weinberge einverleibt. Die Familie Buonvisi bereichert sich mit dem Handel von Seidenstoffen und anderen Produkten und außerdem mit der Verwaltung von Banken. Sie wird aufgrund ihres Reichtums und ihrer kommerziellen und finanziellen Verbindungen zur wichtigsten Familie in Lucca. Sie gründet neue Betriebe und besitzt Häuser in Neapel, Venedig, Genua, Lyon, Tours, Löwen, Antwerpen und London. Antonio Buonvisi wird Bankier des Kaisers Heinrich VIII. und der Tudors und ist eng mit Thomas Moore befreundet.
Gleichzeitig zeichnet sich eine Neigung der Familie zur Kultur ab. Die Villa entwickelt sich zu einem kulturellen und künstlerischen Treffpunkt in Europa: der Gelehrte Ortensio Lando aus Mailand, der hier im Jahre 1532 vier Wochen bei der Familie Buonvisi zu Gast war, schreibt in elegantem Lateinisch die "Forcianae quaestiones", in denen er von den gelehrten Gesprächen während der reichhaltigen Bankette erzählt, an denen auch die Frauen teilnahmen, die sonst üblicherweise ausgeschlossen waren. Diesem Text, in dem zum ersten Mal das Thema der geistigen Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau aufgegriffen wird, wird eine besondere Wichtigkeit zugeschrieben. Auch Montaigne, ein enger Freund der Familie Buonvisi und bei ihr in Lucca zu Gast, erinnert in einem Schriftstück an die Loggia- heute renoviert - und ihre Reben, die sich um die erste Säule ringeln, beschreibt in allen Einzelheiten das Vogelhaus - ein Ort für die Vögel, die für besondere Jagdarten benötigt wurden - das einzige vollkommen erhaltene Vogelhaus der antiken Vogelhäuser in Lucca - und würdigt die köstlichen, in den sommerlichen Abenden in der Loggia servierten Abendessen und die sauber duftenden, blendend weißen Leintücher auf den Betten.
Der Florentiner Benedetto Varchi dichtet 1555 ein Sonett, in dem er sich voller Sehnsucht an Forci und die Treffen mit den Freunden erinnert: "Or sia, che col Menocchio, e col gentil Balbano, e gl'altri che nel cuor mi stanno, riveder possa un dì Forci e Loppeglia" (Möge es geschehen, dass ich den Menocchio, den lieben Balbano und all die anderen, die ich in mein Herz geschlossen, eines Tages in Forci und Loppeglia wiedersehen kann).

1600 - Wenn auch weniger prunkvoll, als im 16. Jahrhundert, geht das Leben in Forci weiter wie vorher und die Landwirtschaft bringt reiche Erträge. Doch die allgemeine Handels- und Wirtschaftskrise reißt auch die Buonvisi in ihren Fluss, die 1622 in große finanzielle Schwierigkeiten geraten. In Lucca sagt man heute noch: "L'han finiti anco i Bonvisi" (”Sogar den Bonvisi ist das Geld ausgelaufen”). Forci rettet sich, da sich die Finanzen der Familie wieder erholen, doch erreicht es nicht mehr den Prunk und den Glanz der vergangenen Zeiten.
In diesem Jahrhundert wird auch die Uhr, eine große Maschine mit Pendelgewichten, über dem Eingangstor in der Mitte der Loggia angebracht. Das Zifferblatt besteht aus dem Wappen der Familie Buonvisi und der Schweifstern des Wappens dreht sich und zeigt mit seiner Schweifspitze die Uhrzeit an. Ein anderer Schweifstern befindet sich auf der Spitze des Daches.
Nicht zu vergessen ist gegen Ende dieses Jahrhunderts das Werk des letzten und wichtigsten der drei Kardinäle, die dieser Familie entspringen. Der Kardinal Francesco Buonvisi, zu der Zeit päpstlicher Botschafter in Wien, war nicht nur ein großer Diplomat, sondern erwies sich auch als großer Stratege, indem er die Regierungs- und Militäroberhäupter beriet, als 1683 das Heer von Mohammed IV. ins Donautal einfiel und sogar bis nach Wien vordrang und somit ganz Europa bedrohte. Seine energische Anführung und seine gut befolgten Ratschläge erreichten die gewünschte Wirkung und der Name dieses großen Kirchenmannes aus Lucca wurde in Polen und Österreich von niemandem mehr vergessen. Auch wir wollten ihn nicht vergessen und widmeten ihm unseren besten Wein, den "Cardinal Buonvisi". Später war er zweimal nahe daran, zum Papst gewählt zu werden, doch verbot er persönlich aufgrund politischer Intrigen, dass sein Name in die Liste der "Papabili" (zum Papst Wählbaren) aufgenommen wurde. Im Jahre 1626 geboren, hatte er lange Zeit im Vatikan dem Papst Clemens X. zur Seite gestanden, war dann Bischof von Saloniki in Griechenland und später päpstlicher Botschafter in Köln, Warschau und Wien geworden. 1691 wurde er zum Bischof von Lucca gewählt. An seinen Geburtsort zurückgekehrt blieb er hier bis zu seinem Tode und wurde in der Kapelle der Buonvisi in der Kirche von San Frediano bestattet.

1700 - Am Anfang dieses Jahrhunderts werden in der Villa einige Modernisierungsarbeiten und eine zentrale Aufstockung durchgeführt. Das ursprüngliche Oratorium wird im Auftrag der Bonvisi auf Entwurf des auch im Ausland zwischen Wien und Prag bekannten Architekten Domenico Martinelli aus Lucca in eine Kirche umgebaut.
1714 begibt sich Georg Christoph Martini, ein Maler und Schriftsteller italienischer Herkunft, der aber deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hatte, und daher auch “pittor sassone” genannt wurde, nach Forci und beschreibt in allen Einzelheiten die verschiedenen Tätigkeiten und Betriebe, mit denen er in Kontakt kommt: darunter eine Seidenstoff-Färberei, eine Destillerie für Orangenblüten, Lilien und Jasmin, heute leider nicht mehr in Betrieb, einen Raum wo die mit Schiefer ausgelegten Wannen stehen, in denen heute noch, wie damals, das Öl aufbewahrt wird.
In dieser Epoche wurde der Landwirtschaftsbetrieb wieder höher geschätzt und es wurden viele neue Bauernhäuser und eine Ölmühle gebaut. Dieses mehr landwirtschaftliche als kulturelle Gepräge von Forci wird in einem legendären Thema vom Künstler Francesco Antonio Cecchi aus Lucca auf zwei großen Fresken im großen Saal der Villa dargestellt: die Weinlese mit Bacchus Triumph und die Olivenernte unter dem Schutz der Minerva.
1782 ist auch der Dichter der Akademie der Arkadia, Filandro Cretense - Pseudonym des Grafen Antonio Cerati von Parma - bei der Familie Buonvisi zu Gast, und widmet dem "Diletta Forci" (geliebten Forci) eine Operette, in der er die Aufmerksamkeit auf die ländliche Natur mit ihren spontanen und ungeordneten Eigenschaften lenkt. Er erinnert darin jedoch auch an den Prunk der Vergangenheit und an den Dichter Lando, der mehr als zwei Jahrhunderte z uvor, - wie auch Benedetto Varchi geschrieben hatte - "...qui felici quieti giorni menò tra stuol famoso d'amici eletti, a cui qual fida stella un Bonviso splendea col suo favore" (...hier glückliche, erholsame Tage verbrachte, inmitten einer ausgewählten Gruppe berühmter Freunde, denen wie ein treuer Stern Bonviso mit Gastfreundlichkeit schien). Er schließt - und wir fassen es gleichzeitig als Glückwunsch und Ansporn auf: "voleranno eterni de'Bonvisi e di Forci i nomi e i pregi" (auf dass die Namen und die Talente der Buonvisi und von Forci ewig wiederklingen werden).

1800 - Der Schweifstern der Buonvisi geht unter und die Familie stirbt aus. Es beginnt der Abstieg.

1900 - Die verlassene Villa verfällt. Sie geht von Besitzer zu Besitzer, bis sie 1917 vom Grafen Vincenzo Giustiniani gekauft wird, der sie als Wohnsitz erwählt und die letzten 30 Jahre seines Lebens der Renovierung der Villa und Wiederinstandsetzung des Gutes widmet: er stellt einen täglichen und freundschaftlichen Kontakt zu den hiesigen Bauernfamilien her, mit einer blühenden Halbpacht, er verbessert die Anbaumethoden, was den Ertrag sehr erhöht, er lässt die Bauernhäuser restaurieren und verwandelt somit den Besitz in ein vorbildliches Gut. Er war außerdem ein großer Kenner und Liebhaber der Künste und besonders der zeitgenössischen Malerei. Selbst Maler und mit vielen der berühmtesten Maler der Macchiaoli-Schule befreundet, teilte er seine Zeit und seine Mittel zwischen der Pflege der Landwirtschaft und der Hingabe zur Malerei. Mit ihm wird Forci wieder zu einem Zentrum der Kunst.
Sein Werk wurde später mit derselben Hingabe von seiner Tochter Carla und seinem Schwiegersohn, dem Baron Zanetto Scola-Camerini, weitergeführt. Da auch sie noch schwierigeren Zeiten entgegentreten mussten, haben sie sich mit ganz besonderem moralischen und materiellen Einsatz für die Landwirtschaft dieser Aufgabe gewidmet.
Heute wird Forci von der Enkelin Diamantina Scola-Camerini, die hier lebt und, seit mehr als 25 Jahren mit Hilfe ihres hochgeschätzten Mitarbeiters Armando Scaramucci, die Leitung des Gutes übernommen hat, mit derselben Liebe und Hingabe ihres Großvaters und ihrer Eltern, weitergeführt, mit dem Bestreben Tradition und Fortschritt harmonisch miteinander zu verbinden.
Zur Zeit wird das Gut in direkter Zusammenarbeit mit den landwirtschaftlichen Lohnarbeitern geleitet.
Es werden wie seit jeher hauptsächlich Weinberge und Olivenbaume angebaut.
Die Produkte: Wein, Olivenöl, Schafskäse und Schafsquark, Honig und Grappa.
Die berühmtesten Gäste im 20. Jahrhundert waren 1938 Ihre Majestät, die Königin von Italien, Elena von Savoyen, privat zu Besuch, und 1986 der derzeitige Präsident der italienischen Republik, Francesco Cossiga, offiziell zu Besuch.

Heute stehen wir auf der Schwelle eines neuen Jahrtausends und nach 8 Jahrhunderten Geschichte befindet sich Forci, durch Zufall, in meinen Händen. Mein ganzer Einsatz gilt dem Vorhaben die Vitalität und Gesundheit Forcis zu pflegen, damit es den Weg ins dritte Jahrtausend wohl antreten kann, ohne sein sich bis heute unverändert erhaltenes Wesen einzubüßen um noch vielen Jahrhunderten entgegentreten zu können.

April 2000


Forci und sein Geist

Was ist Forci heute? Man stelle sich vor, vom nahen Lucca zu Fuß die Straße entlangzugehen, die sich längs dem Hügel schlängelt und auf deren einen Seite sich das Tal befindet, in dem die Stadt liegt, und auf deren anderen sich die Berge der Garfagnana erheben, eine Straße, die über den Berggrat durch Olivenhaine und Weinberge bis ins Tal hinunter durch das Gut führt, von Santo Stefano’ Pfarrkirche bis zum Kirchlein von Vecoli, beide mit Glockentürmen aus dem 13.Jahrhundert geschmückt. Man stelle sich weiterhin vor, sich auf eine aus dem Boden ragenden Wurzel eines Ölbaums zu setzen, um Luft zu schnappen, während man den Blick über das Tal und über die Wälder an den Hängen und weiter bis zu den Bergen von Pisa in Richtung Meer schweifen lässt. Nur so kann man sich in die Natur dieser Landschaft, die einen hier umgibt, richtig einfühlen. In diesem antiken Gebiet, wo die neusten Häuser aus dem 18.Jahrhundert stammen, ist die Zeit jedoch nicht stehen geblieben und Ölbaum und Weinrebe - dieser in den Mittelmeerländern Jahrtausende alter Ehebund - erzählen ihre Geschichte in den tiefen Rillen des Baumstamms und auf der Rinde der langen Triebe.
Tausende von Ölbäumen stehen in den Hainen und auf den Hügeln nebeneinander und die ordentlich gereihten Weinreben geben Forci noch heute, wie vor Jahrhunderten, das Leben.
Oktober - Die Weinberge sind nach einem langen Sommer der Reife schwer an Trauben und künden eine fröhliche Weinlese an. Die saftigen Trauben, denen noch die letzte Herbstsonne Süße gespendet hat, werden vorsichtig und mit erfahrenen Händen von der Rebe gelesen, begleitet von heiteren Stimmen zum Gärkeller getragen, wo sich in den warmen Fässern bald der singende und duftende Wein mit seinem säuselnden Geräusch der Gärung entwickelt, um die Tafeln und Gaumen aller zu erfreuen und die wichtigsten Feste des Lebens zu feiern.
November - Mit der Frucht des Olivenbaumes beschliesst sich die Mühe des Jahres. Vom Ast zur Ölmühle ist der Weg der Olive immer derselbe: erfahrene Hände schütteln die Äste mit größter Sorgfalt, um Früchte und Baum nicht zu beschädigen, dann werden die Oliven gelesen, in die Säcke gefüllt, zum Hof gebracht, wo sie in dem langen Raum des oberen Stockwerks, dem "Salone delle Olive", aussortiert werden. Dann werden sie zur großen Ölmühle aus dem 18.Jahrhundert gebracht, die mit der Würde des weisen Alten der hektischen und monotonen Stimme der modernen Ölmühle zuhört und deren Funktion überwacht. Jetzt wird dieses geschmackvolle Öl gekostet, während alles von der Vergangenheit zeugt: von den kleinen zu den großen, an der Wand aneinandergereihten, Tonvasen, vom Mühlstein zu den Strohmatten, von der Presse zur Haspel.
Binnen der Mauer, die alles umgibt und Alt und Neu zu einer lebendigen, erneuerten Einheit verbindet - den Bauernhof, die Kirche, die Villa, den Park mit seinen riesengroßen Steineichen, den Raum und die Menschen - kann man den Frohsinn fühlen, der dem Respekt für die alten Bräuche entspringt, die ihrerseits dem Maß des Menschen und der Natur die größte Achtung erbringen.
Vielleicht fühlt jemand auch die ununterbrochene Anstrengung aller jener, die hier in Forci leben und arbeiten, um das Motto der Buonvisi, der ersten Besitzer, zu erfüllen:      

“Tout le jour je pense à bien faire”
“Den ganzen Tag denke ich daran es gut zu machen”

Tenuta di Forci - Via per Pieve S. Stefano n.7165 - 55100 LUCCA - ITALIA - info@tenutadiforci.it - tel./fax +39/0583/349007